Freitag, 23. Oktober 2015

Rezension "Die Drehung der Schraube" von Henry James

Titel: Die Drehung der Schraube
Autoren/Herausgeber: Henry James
Übersetzer: Ingrid Rein
Weitere Mitwirkende: Paul Ingendaay
ISBN/EAN: 9783717523307
Originaltitel: The Turn of the Screw
Originalsprache: Englisch
Seitenzahl: 304
Format: 15 x 9 cm
Produktform: Hardcover/Gebunden
Sprache: Deutsch

Meine Wertung: 5/5 Sterne




Auf den zweiten Blick genial

Die Eindrücke, die dieses Buch hinterlässt, brauchen etwas Zeit um verarbeitet zu werden. Daher jetzt nach einigen Tagen meine Rezension zu diesem Klassiker. Diese 1898 erstmals erschiene „Geistergeschichte“ beginnt wie viele klassische Gruselgeschichten in einem englischen Landhaus, in der ein nicht näher genannter Erzähler einer versammelten Gesellschaft die eigentliche Geschichte vorliest.

Es handelt sich hierbei um die Aufzeichnungen  einer Gouvernante, die mit der Betreuung von zwei elternlosen Kindern, Miles und Flora, auf einem Landsitz namens Bly beauftragt wird. Die beiden Kinder erscheinen sehr liebenswürdig und intelligent, einzig ein nicht näher erläuterter Schulverweis von Miles gibt erste Rätsel auf.
Nach einiger Zeit beobachtet die Erzieherin Geistererscheinungen auf dem Grundstück des Landsitzes. In den Gestalten glaubt sie ihre Vorgängerin und einen früheren Diener des Haushaltes zu erkennen, die beide unter nicht näher geklärten Umständen ums Leben kamen. Sie erfährt, dass die Kinder und die beiden Angestellten sich wohl sehr nahe standen.   
In der Überzeugung, dass auch die Kinder die Geister sehen und in dem Wunsch, die Kinder vor diesen zu schützen, tut sie fortan alles, um die Kinder keinen Moment aus den Augen zu lassen.
Viel mehr darf man zu der Handlung hier nicht erzählen, ohne zu viel vom Inhalt zu verraten.  Der Leser wird jedoch im Unklaren gelassen, ob die Erscheinungen real sind, oder was die genauen Gründe hierfür sind. Wie wir auch in unserer Leserunde gemerkt haben, führt dies dazu, dass der Leser das Beschriebene ständig versucht unter neuen Blickwinkeln zu „analysieren“, um hinter die Wahrheit zu kommen.
Auch wenn das Ende nicht alle Leser zufriedenstellen dürfte, so hat es mir dennoch sehr gut gefallen, denn wie James hier mit den Gedanken und Erwartungen der Leser spielt, ist schon genial gemacht.
In dem Nachwort der Manesse-Ausgabe kann man auch lesen, dass dies auch genauso von ihm beabsichtigt war.  Gerade durch das Weglassen bestimmter Teile der Erzählung formen sich bei jedem Leser eigene Gedanken zur Handlung und Interpretationsmöglichkeiten.
Man kann das Buch also durchaus auf zwei  Ebenen lesen: Als klassische Gruselgeschichte, die ungeheuer spannend ist und als literarisches Experiment, in dem der Leser zum Mitgestalter der Geschichte wird.
Ich empfehle hier (allerdings erst nach Lektüre) den sehr gut gemachten wikipedia-Artikel über das Buch, dem  man auch entnehmen kann, dass dieses als eines der am stärksten rezipierten Bücher von Henry James gilt. Literaturwissenschaftler praktisch aller Schulen haben sich mit diesem Werk beschäftigt.“
Mittlerweile soll es über hundert verschiedene Interpretationen dieser Geschichte geben.  
Für mich eine große Leseempfehlung und  klare 5 Sterne für dieses Buch.   

Von diesem Roman sind zahlreiche verschiedene deutsche Ausgaben erhältlich. Wem, wie mir, auch die Gestaltung und Haptik wichtig ist, dem sei die wunderschöne Ausgabe aus der Manesse-Bibliothek der Weltliteratur wärmstens ans Herz gelegt. Wie immer in dieser Reihe wird dort nur sehr hochwertiges Papier bedruckt, welches anschließend fadengeheftet und in feines Leinen gebunden wird.  Damit hat man nicht nur beim Lesen einen „Handschmeichler“, das macht sich auch gut in jedem Bücherregal.

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