Mittwoch, 7. Oktober 2015

Rezension zu Victor Hugo: Der Glöckner von Notre-Dame



Gelesene Ausgabe: 
Fischer Taschenbuch
Titel: Der Glöcker von Notre-Dame
Autoren/Herausgeber: Victor Hugo
Übersetzer Hugo Meier
Aus der Reihe: Fischer Klassik
ISBN/EAN:  9783596903979
Origininaltitel: Notre Dame de Paris 
Seitenzahl: 688
Taschenbuch/ Softcover 

     
Meine Wertung: 4/5 Sternen 





 „Ich habe in diesen Tagen… –Notre-Dame de Paris- gelesen und nicht geringe Geduld gebraucht, um die Qualen auszustehen, die diese Lektüre mir gemacht hat. Es ist das abscheulichste Buch, das je geschrieben worden!...“ . So urteilte Johann Wolfgang von Goethe im Juni 1831 über Hugos Roman. 


Auch wenn ich Goethes Meinung nicht teile, muss ich zugeben, dass man –zumindest in der ungekürzten Version- stellenweise Geduld braucht, um in den Genuss dieses Romans zu kommen.
Der Kern der Handlung dürfte den meisten bekannt sein: Die tragische Liebesgeschichte des buckligen Quaismodo zur Zigeunerin Esmeralda, die durch eine Intrige des ebenfalls in sie verliebten Domprobst Claude Frollo zum Tode verurteilt wird.
Auf diese Geschichte beschränken sich auch die zahlreichen Adaptionen für Film und Fernsehen und wer den Disney-Film kennt, wird hier wohl ziemlich geschockt über die literarische Vorlage sein.
Der Originaltitel „Notre-Dame de Paris“ verrät bereits, dass es Hugo hier nicht allein um die Erzählung einer Liebesgeschichte geht. Vielmehr ist es für ihn eine Liebeserklärung an das Paris und die Kirche Notre-Dame im Jahre 1482.
Mit sehr viel Empathie und Liebe zum Detail beschreibt Hugo das Paris im damals wirklich „finsteren“ Mittelalter. Man merkt, dass er intensiv über die damalige Architektur und Lebensverhältnisse in Paris recherchiert hat. Sehr interessant waren hierbei die Befürchtungen zu lesen, dass die seinerzeit aufkommende Buchdruckkunst die Kunst der Architektur zerstören könnte.
Diese Detailverliebtheit mag wohl auch der größte Kritikpunkt sein. Ganze Kapitel, die sich mehr oder weniger wie ein historischer Stadtplan von Paris lesen, erfordern ein gewisses Durchhaltevermögen. Dazu kommen noch 354(!) Fußnoten, von denen eine Vielzahl eine Übersetzung von lateinischen Zitaten ist, die für mich nicht zur Geschichte beitragen. 

Dafür wird man jedoch auch mit viel Humor und Gesellschaftskritik an den feudalen Strukturen im Mittelalter belohnt. Hier schafft es Hugo wirklich stellenweise meisterhaft die aberwitzigen Auswüchse dieses Systems ad absurdum zu führen. Höhepunkt hier für mich die Beschreibung der Gerichtsverhandlung, in der der taube Richter über den ebenfalls tauben Quasimodo zu urteilen hat. Das ist Satire vom Feinsten.
Alles in allem ein heute noch aktueller Klasssiker, den ich (trotzdem) mit Genuss gelesen habe.
Ganz so viel Spaß wie bei Dickens und Balzac hatte ich dann aber doch nicht, daher „nur“ vier Sterne.       
Die Rezension bezieht sich auf die Taschenbuchausgabe von Fischer-Klassik, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Hugo Meier (Lizenzausgabe des Manesse-Verlages).
Sehr lobenswert hier wieder die zusätzlichen Informationen (Anmerkungen, Daten zu Leben und Werk Victor Hugos, Auszug aus Kindlers Literatur-Lexikon zum Roman). 

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