Sonntag, 17. Januar 2016

Michel Houellebecq: Unterwerfung



Titel: Unterwerfung
Autoren/Herausgeber: Michel Houellebecq
Verlag: DuMont Buchverlag
Erstveröffentlichung: 02.02.2015.
Übersetzer: Norma Cassau, Bernd Wilczek
ISBN/EAN: 9783832197957
Originaltitel: Soumission
Originalsprache: Französich
Seitenzahl: 272
Produktform: Hardcover/Gebunden
Sprache: Deutsch




"Krieg zu führen gehört seit jeher zu den elementarsten Handlungen des Menschen, es liegt in seiner Natur wie Napoleon sagte. Jetzt ist es an der Zeit für eine gütliche Einigung mit dem Islam, Zeit für eine Allianz, wie ich meine."


Der 2015 erschienene Roman „Unterwerfung“ des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq entwirft das Bild eines islamisch regierten Frankreichs in nicht allzu ferner Zukunft, welches erschreckend nah an unserer heutigen Realität liegt. Das Buch erlangte bereits bei seinem Erscheinen traurige Berühmtheit, da Houellebecq und sein Roman in der Woche des Terrorangriffs auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo die Titelgeschichte der Zeitschrift darstellten.

Frankreich 2022, der Literaturwissenschaftler Francoise hadert mit seinem Leben. Sein Job als Dozent für Literatur an der Universität füllt ihn nicht mehr richtig aus, seine jährlich wechselnden Affären mit jungen Studentinnen beginnen ihn zu langweilen und eine „richtige“ Beziehung ist ihm zu anstrengend.

„Ein Studium im Fachbereich Literaturwissenschaften führt bekanntermaßen zu so ziemlich gar nichts außer – für die begabtesten Studenten – zu einer Hochschulkarriere im Fachbereich Literaturwissenschaften.“

Man merkt, dass er auf der Suche nach einem neuen Sinn in seinem Leben ist. In Frankreich stehen Wahlen an und das Land scheint vor einem politischen Wendepunkt zu stehen.

„Als ich wieder an der Fakultät war, um meine Kurse abzuhalten, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass etwas passieren könnte, dass das politische System, in das ich seit meiner Kindheit hineingewachsen war und das seit einiger Zeit spürbare Risse bekam, mit einem Schlag zu zerspringen drohte.“

Die politische Rechte um Marine Le Pen und ihren Front National ist die stärkste politische Kraft und die Konflikte dieser Partei mit den Sozialisten, den Moslems und anderen Gruppierungen lassen im Vorfeld der Wahl bürgerkriegsähnliche Unruhen entstehen, die die Rechten gerne für ihre Propaganda ausnutzen würden.

Die Vorwahlen scheinen die Befürchtungen um einen Wahlsieg der rechtsextremen Le Pen zu bestätigen. Um dies zu verhindern führen Sozialisten und Moslems heimlich Koalitionsverhandlungen und so kommt es zu einem islamischen Präsidentschaftskandidaten, der jedoch einen sehr moderaten Islam vertritt und für viele weniger Unannehmlichkeiten mit sich bringt, als zunächst befürchtet.

Den islamischen Politikern und den mit schier unerschöpflichen finanziellen Mitteln ausgestatteten saudischen „Sponsoren“ sind Bildung und die Stärkung der Familie sehr wichtig. So kommt es, dass das Lehrpersonal an den Universitäten fortan mit dem dreifachen Gehalt entlohnt wird, vorausgesetzt ihr Unterricht steht nicht im allzu krassen Gegensatz zur islamischen Lehre. Andere erhalten ein großzügiges Angebot für einen vorgezogenen Ruhestand, der für sie finanziell keinerlei Nachteile bedeutet. Die Arbeitslosigkeit sinkt gegen null, da die meisten Frauen fortan nicht mehr arbeiten. Das dadurch fehlende Haushaltseinkommen wird durch eine großzügige Aufstockung der Familienzulagen ausgeglichen.
Das alles erscheint Francoise zunächst reichlich konfus, doch die Tatsache, dass er durch die jetzt gesetzlich erlaubte Polygamie künftig in der Lage sein wird drei Ehefrauen zu haben, scheinen seine letzten Zweifel zu beseitigen.

Der Roman ist in meinen Augen eindeutig satirisch zu verstehen und wirft einen bitterbösen Blick auf Frankreichs Intellektuelle und Politiker. Dennoch zeigt er uns durchaus realistisch auf, wie schnell scheinbar unbedeutende politische Entwicklungen zu großen gesellschaftlichen Umwälzungen führen können.

Houellebecqs Schreibstil lässt sich problemlos lesen. Auch wenn er an einigen politischen bzw. philosophischen Überlegungen etwas abschweift, kann man doch immer wieder schöne Textstellen finden:

„…die Vergangenheit ist immer schön, ebenso übrigens wie die Zukunft. Nur die Gegenwart schmerzt, nur sie trägt man mit sich wie einen schmerzenden Abszess, den man zwischen zwei Unendlichkeiten stillen Glücks nicht loswird.“



„…ich spürte, dass ich nie wieder den Mut haben würde, Myriam anzurufen, das Gefühl der Nähe, das am Telefon entstand, war zu heftig, die Leere danach zu grausam.“

Mit Sicherheit nicht mein letzter Roman, den ich von diese Autor lese.

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